Lesetipp: Fünf Literaturhinweise

Geistvolle Bücher sind wie geistliche Begleiter: Sie helfen, mich selbst zu verstehen, geben Impulse für den nächsten Schritt und bestärken mich, diesem großen Gott und Seinem Weg mit mir auch am heutigen Tag zu vertrauen. In diesem Blog finden Sie Buchempfehlungen, die der Sehnsucht nach einem spirituellen Leben und der Suche nach der persönlichen Berufung solche Begleiter sind. Vielleicht ist eine Sommerlektüre dabei.

Hören, wer ich sein kann, Christoph Theobald
Entscheiden!, Johannes Maria Steinke
Die persönliche Berufung, Herbert Alphonso
Die Kunst, unserer Sehnsucht zu folgen, Michael Bordt
Wir kommen, wohin wir schauen, Josef Maureder


Hören, wer ich sein kann

Christoph Theobalds Buch „Hören wer ich sein kann. Einübungen“ erschien 2018 auf deutsch. „‚Berufung‘ betrifft die ganze menschliche Existenz und jeden Menschen.“ (S.55) ist die Prämisse dieser systematischen Aufschlüsselung der Komponenten christlicher Berufung im Raum der Kirche. Der in Frankreich lebende Jesuit will „den Lesern […] helfen, einen Zugang zu der Erfahrung von Berufung zu finden und ihre jeweilige Berufung zu unterscheiden.“ (S.19) Der Theologieprofessor und langjähriger Begleitung von Berufungsgruppen wirbt für eine „zeugende Pastoral“, die die Einmalgkeit der Einzelnen fördert und bereit macht, sich für die Gesellschaft (vgl. S.143) in Dienst nehmen zu lassen.

Theobald CoverSegensverheißung

In einer faszinierenden Analyse biblischen Berufungsgeschichten arbeitet der Autor wesentliche Elemente des Berufungsgeschehens heraus. Aus der Erzählung vom jungen Samuel (1Sam 3) macht er drei Aspekte stark: das Hören, der Stimme Gottes, das Verhören und Unterscheiden einschließt; die Rolle des Übersetzers (der Priester Eli), der lehrt, mit Gottes Anruf zu rechnen; und die Veranlagung der Berufung „‚vom Mutterleib an‘“ (S.30). Mit der Betrachtung der Berufung des Abraham wird weiterhin deutlich, dass der Anruf Gottes immer eine Segensverheißung mit beinhaltet. An diesem „Ton der ‚Stimme‘ Gottes“ (S.36) ist sie erkennbar.

Aus der Lektüre der Berufungserzählungen ergibt sich ein erster Apell: Bedingungen, d.h. Leerstellen schaffen, Räume der Stille um gut hören und unterscheiden zu können. Denn wenn „wir nach und nach verlernen, wirklich aufeinander zu hören, […] dann laufen wir auf Dauer in Gefahr, stumm zu werden. Dann drohen wir die Worte zu verlieren, mit denen wir uns sagen, was wirklich in uns lebt und unser menschliches Abenteuer ausmacht.“ (S.51)

Identifikationsfiguren

Für Ch. Theobald gründet die christliche in der menschlichen Berufung, die die „Ganzheit eines Lebens [betrifft…und darin besteht] jemandem dieses Leben zu eigen zu geben.“ (S.57) Sie ermächtigt, die eigenen Potenziale zu leben und zu investieren: „‚Du kannst – einmalig sein – und deine einmalige Existenz für andere in all deinen Entscheidungen aufs Spiel setzen.‘“ (S, 62) Christlich wird diese Lebenshingabe in der Nachfolge Jesu. Die Jünger lernen von ihm, dem Reich Gottes Priorität zu geben und alles andere dazu geschenkt zu bekommen (vgl. S.133). Es ist die Einladung, Gottes Wirken im Leben jedes Menschen zu entdecken und sich in seinen Dienst zu stellen. „Dieser Übergang ist nur durch ‚Über-setzer‘ möglich, Christen in Gegenwart und Vergangenheit und in letzter Instanz Jesus Christus selbst.“ (S.79) Solche Identifikationsfiguren in der eigenen Biografie zu erinnern, gehört zu den Einübungen, die der Autor empfiehlt.

Bei der Besprechung von Charismen, Ämtern und Aufgaben, der „Passung“ von erfahrener Berufung und Bestätigung durch die kirchliche Gemeinschaft, stellt der Autor auch bestehende Verbindungen von Lebensform und Ämterstruktur in Frage. Er wirbt für eine „spirituelle Einfachheit“ die dazu führt, „dass die Kirche von heute und von morgen nicht nach unseren Plänen und nach unseren Vorstellungen von der Vergangenheit Gestalt gewinnt, sondern ausgehend von dem, was Gott diesem oder jenem Territorium, dieser oder jener Gemeinschaft, dieser oder jener Person tatsächlich gibt.“ (S.113) Das Hören der eigenen Berufung beginnt damit, die aktuelle kirchliche und gesellschaftliche Situation wahrzunehmen und zu erleiden.

Kontinuität

In dem Kapitel „Heute die eigene Berufung finden“ formuliert Ch. Theobald Etappen auf diesem Weg. Er bespricht die Besonderheit des apostolischen Amtes, die Sendung in bestimmte Berufstätigkeiten und die geistliche Dimension von Ehe und zölibatärem Leben alleine und in einer Ordensgemeinschaft. Einer christlichen Berufung zu folgen „bedeutet, eine Frau, ein Mann der Entscheidung zu werden. Menschen, die [….] fähig sind, ihrem Leben eine innere Achse zu geben.“(S.147). Ch. Theobald bezeichnet die Beibehaltung unwiderruflicher Entscheidungen als das „sine qua non echter Reife.“(S.138) Gleichzeitig korrigieren Lebensumbrüche die Vorstellung, Berufung sei etwas von vornherein fertiges. „Die Berufung bezeichnet ja die geheimnisvolle Kontinuität eines Lebens in seiner Gesamtheit. Damit entzieht sie sich uns radikal. Sie steht uns niemals voll und ganz zu Verfügung, aber wir können sie Erkennen und in die Praxis umsetzen, in dem Maß, in dem wir in unserem Leben weiter gehen.“(S.144)

Ich empfinde das Buch ebenso poetisch wie wissenschaftlich. Kauend und verkostend erschließt es die tiefe und breite des Berufungsgeschehens, insbesondere die Verschränkung der ekklesiologischen und der persönlichen Dimension. Verwoben in eine Fülle von Einsichten wiederholt der Autor die Grundmotive vertiefend und verknüpfend. So wird im Lesen der innere Boden bereitet, besser zu „hören, wer ich sein kann“ und ermutigt, an einer „zeugenden Pastoral“ mitzuwirken.


Die Frage nach der eigenen Lebensberufung hat zum Ziel, sie zu leben, d.h. die entsprechenden Entscheidugnen zu treffen. Eigentlich ist es die gleiche Frage: Für welchen Lebensweg soll ich mich entscheiden? und: Was ist meine Berufung? Der folgende Lesetipp nimmt Bücher in den Blick, die dabei helfen können, gute Entscheidungen zu treffen.

Entscheiden!

Leider muss ich zugeben: das Buch, das ich Ihnen empfehlen will, um eine wichtige Lebenswahl vorzubereiten oder Orientierung im Umgang mit Entscheidungssituationen zu bekommen, ist nicht mehr im Handel erhältlich: Johannes Maria Steinke: Entscheiden! Strategien und Methoden aus der Schule der Jesuiten, 2009.

Ausgesprochen übersichtlich und fokussiert bietet der Autor systematisches Handwerkzeug für eine bewusste Entscheidung. Im Optimalfall kommen dabei drei Zugänge zur Sprache: die Gefühle, der Verstand und die „Personenmitte, das ‚Herz‘, […] wo wir Sinn erfahren und wo wir lieben, hoffen und glauben.“ (S. 23) J. M. Steinke kategorisiert unterschiedliche Entscheidungstypen und nennt sieben typische Fallen, in die Menschen bei Entscheidungen tappen. Bereits diese Hilfe zur Selbsteinschätzung bereitet eine bewusste Wahl vor.

Steinke CoverDer Entscheidungsprozess

Der Hauptteil des Buches leitet einen gestalteten Entscheidungsprozesses in fünf Phasen an: Die Entscheidungssituation wahrnehmen, die Entscheidung gut vorbereiten, mit Kriterien abwägen, die Entscheidung entschlossen treffen und die Entscheidung auswerten.

Zeigt sich, dass eine Entscheidung ansteht, nennt J. Steinke fünf Vorbereitungsschritt, die diese erleichtern. Um eine klare Fragestellung zu erreichen, schlägt er beispielsweise die Erstellung eines Entscheidungsbaumes vor. Er kommentiert dazu: „Entscheidungen sind oft vielschichtig und mehrfach gestaffelt. […] Wenn Sie diese im Blick behalten, können Sie auch schwierige und komplexe Entscheidungen leichter und souveräner lösen.“ (S. 50)

Um die Wahl abzuwägen werden sechs Kriterien erläutert. Nutzen und Ressourcen sind ebenso berücksichtigt, wie ein „Ehrlichkeits-Check“ (S.92) und die Zunahme an Lebensfreude und Zuversicht. Ein eigenes Gewicht legt der Autor auf die ethische Dimension und erinnert immer auch die Auswirkung auf die Nächsten und das Umfeld.

Die Umsetzung einer Entscheidung ist ein eigener Schritt. „Eine Entscheidung zu treffen hat etwas Definitives, Einschneidendes, manchmal auch Schmerzhaftes. Denn mit der Entscheidung trennen Sie sich von etwas und entscheiden sich zu etwas. […] Neues beginnt.“ (S. 98) Ebenso bedarf die rückwirkende Auswertung eigener Aufmerksamkeit, um zu lernen, nach zu justieren oder – wenn es gar nicht passt - einen neuen Entscheidungsprozess zu beginnen. Eine gute Wahl macht Mut und gibt Selbstvertrauen.

Im Gebet entscheiden

Im letzten Kapitel vertieft der damalige Jesuit unter dem Stichwort „Spezialfälle“ besondere Situationen: Für geistliche Menschen integriert er das Gebet in die Entscheidungsfindung, thematisiert Lebensentscheidungen und behandelt den Umgang mit (Fehl)Entscheidungen aus der Vergangenheit. Dabei stärkt er sowohl die Besonnenheit, „denn wer Krisen durchstehen kann, geht gestärkter aus ihnen hervor“ (S. 130), als auch das Selbstvertrauen zur Neugestaltung: „Haben Sie Vertrauen in sich selbst und sehen Sie die missglückte Entscheidung als eine Erfahrung, dank derer Sie etwas dazulernen durften.“ (S. 128)

Das Inhaltsverzeichnis erlaubt einen einfachen Zugriff auf die gesuchten Themen. Eine Vielzahl von Fallbeispielen machen das Lehrbuch lebendig und alltagsnah. 36 Methodenangebote begleiten das Entscheidungsmodell und helfen es umzusetzen. Dazu gehören Reflexionsfragen und Phantasieübungen oder die Empfehlung sich „Entscheidungsstunden“ zu reservieren, sowie einen „Grübel-Stopp“ während des Tages.

Wer sich interessiert, wie die Grundeinsichten einer guten Wahl in der Spiritualität des Hl. Ignatius wurzeln, dem sei Stefan Kiechle: Sich entscheiden, 102020 empfohlen. Er verwendet und erklärt die Begrifflichkeiten des Gründers des Jesuitenordens und verortet den Entscheidungsprozess explizit in der Nachfolge Jesu und im Horizont der christlichen Hoffnung: „Und wenn in diesem Leben manches unerfüllt bleibt, so glauben und hoffen wir, dass im neuen Leben alle – die Armen zuerst – in die Fülle Gottes eingehen werden.“ (S. 44)

Wolfers CoverVon der Kunst, eine kluge Wahl zu treffen

Im vergangenen Jahr erschien frisch zum Thema Melanie Wolfers: Entscheide dich und lebe! Von der Kunst, eine kluge Wahl zu treffen, 2020. Hier finden sich auch die oben beschriebenen fünf Phasen des Entscheidungsprozesses und ebenso die „Bausteinen einer gelungenen Entscheidung“: Was kann ich? Was will ich? Was soll ich? (vgl. „Dreifacher Klang“ im ersten Lesetipp). Einen eigenen Schwerpunkt legt die Best-Seller-Autorin auf Entscheidungsängste, um sich nicht von ihnen beherrschen zu lassen ihnen zu lernen. Da geht es beispielsweise um den Preis, den jede Entscheidung hat: „Denn wer sich im Vorfeld nicht mit den Lasten und Verlusten auseinandersetzt, die eine Entscheidung mit sich bringt, kommt im Nachhinein schnell ins Straucheln. Ganz nach dem Motto: Keiner hat mir gesagt, dass man bei dieser Wanderung zu Fuß unterwegs ist…“( S. 40)

Ein konstantes Augenmerk bekommen nicht nur Emotionen und Theorien, die Autorin lädt genauso ein, die eigene Körperwahrnehmung zu üben. Denn „die somatischen Marker arbeiten in Entscheidungssituationen wie ein Ampelsystem. Negative Marker gleichen einer roten Ampel. […] Wenn der Körper auf Grün schaltet, spüren viele eine Wärme, die sich im Körper ausbreitet;“ (S. 86)

Spritzig und ausführlich behandelt die Salvatorianerin alle Themen, die in Entscheidungsfindungen mit hineinspielen. Psychologische Erkenntnisse und spirituelle Überlegungen bieten hilfreiches Hintergrundwissen. So z.B. die Liste psychosozialer Bedürfnisse, deren Beachtung zur Grundlage einer tragefähigen Entscheidung gehören (S. 117ff). Laufende Reflexionsfragen unterstützen dabei, sich selbst zu erforschen. Tipps und Methoden komplettieren den Ratgeber.


Einen außergewöhnlichen Zugang zur Berufung vermittelt der indische Jesuit P. Herbert Alphonso in seinem Buch: Die persönliche Berufung. Tiefgreifende Umwandlung durch die geistlichen Übungen, 2019. 

Die persönliche Berufung

Ausgehend von seiner eigenen Erfahrung ist der Autor überzeugt, dass jeder Mensch ein ganz individuelles Wort von Gott zugesprochen bekommen hat, in dem sich sein oder ihr Wesen ausdrückt. Von dieser einmaligen Berufung her werden alle Entscheidungen und Tätigkeiten sinnstiftend und richtig: „Nur, wenn ich den gottgeschenkten Sinn […] lebe, nur dann bin ich wirklich lebendig.“ (S.58)

persönliche Berufung CoverWährend es verschiedene Lebensformen und Aufträge gibt, ist die persönliche Berufung einmalig. Sie liegt „auf der Ebene des Seins“ (S.38) und integriert alle andern Lebensstränge. Sie zieht sich auch im Rückblick wie ein roter Faden konstant durch das Leben und entfaltete sich immer neu. Mit ihr lebt jeder „eine Facette der Persönlichkeit Jesu Christi“ (35). Sie korrespondiert mit dem persönlichen Zugang zur göttlichen Wirklichkeit.

Das eigene Berufungswort zu kennen, ermöglicht eine Umwandlung des Lebens zur Hingabe und tiefen Gottesbeziehung. Aus der inneren Verbindung mit diesem Wort formt sich das eigene Leben und Arbeiten. Es wird zum Prüfstein aller Entscheidungen.

Das einmalige Wort

Leider nennt P. Alphonso nicht seine eigene persönliche Berufung, bringt aber Beispiele aus seiner Begleitung und vertritt, dass die persönliche Berufung des Ignatius „Alles zur größeren Ehre Gottes“ hieß und auch Jesus ein solches einmaliges Berufungswort hatte: „Abba-Vater“.

P. Alphonsos origineller Ansatz kann als eine Ausformulierung von Romano Guardinis Gedicht „Aus einem Traum“ gelesen werden, das die Herausgeberin der dt. Ausgabe im Vorwort zitiert. Seine Überlegungen sind ganz verbunden mit der ignatianischen Spiritualität: den Exerzitien, dem Tagesrückblick und der Unterscheidung der Geister. Eine Auseinandersetzung mit ihm lohnt sich m.E. auch dann, wenn sich das eigene Berufungswort nicht so eindeutig dauerhaft zeigt, wie in der Erfahrung des Autors. Sie hilft Gottes Beziehung zu meiner ganz individuellen Person mehr wahrzunehmen.

Der Ansatz hat ebenso Ähnlichkeiten mit einem wichtigen Element der Straßenexerzitien nach Christian Herwartz SJ. Die Teilnehmer/innen entdecken ihren persönlichen Gottesnamen. Sie finden ihn in der Wahrnehmung von Schmerzpunkten und Mangelerfahrungen. Der persönliche Gottesname ist die Antwort auf die dahinterliegende Sehnsucht.

Aus einem Traum

Heute Nacht, aber es war wohl morgens,
wenn die Träume kommen,
dann kam auch zu mir einer.
Was darin geschah, weiß ich nicht mehr,
aber es wurde etwas gesagt,
ob zu mir oder von mir selbst,
auch das weiß ich nicht mehr.
Es wurde also gesagt,
wenn ein Mensch geboren wird,
wird ihm ein Wort mitgegeben,
und es war wichtig, was gemeint war:
Nicht nur eine Veranlagung, sondern ein Wort.
Das wird hineingesprochen in sein Wesen,
und es ist wie ein Passwort zu allem,
was geschieht.
Es ist Kraft und Schwäche zugleich.
Es ist Auftrag und Verheißung.
Es ist Schutz und Gefährdung.
Alles, was dann im Gang der Jahre geschieht,
ist Auswirkung des Wortes,
ist Erläuterung und Erfüllung.
Und es kommt darauf an,
dass der, dem es zugesprochen wird,
- jeder Mensch,
denn jedem wird eines zugesprochen –
es versteht und mit ihm ins Einvernehmen kommt.
Und vielleicht wird dieses Wort
die Unterlage sein zu dem,
was der Richter einmal zu ihm sprechen wird.

​(Romano Guardini, 1. August 1964)


Kennen Sie die Sehnsucht nach einem spirituellen Leben? „Menschen, die nach [Spiritualität] suchen, habe die Hoffnung, vielleicht auch schon die Ahnung, dass sie sich selbst, anderen Menschen und, ja, die ganze Wirklichkeit anders erleben können.“ (S.18) definiert der Jesuit und Professor für Philosophie P. Michael Bordt SJ in seinem neusten Buch: Die Kunst, unserer Sehnsucht zu folgen. Spiritualität in Zeiten des Umbruchs, 2020.

Die Kunst, unserer Sehnsucht zu folgen

Der geistliche Begleiter bietet Handwerkszeug für einen spirituellen Weg in unserer gegenwärtigen Zeit und benennt aktuelle gesellschaftliche Haltungen, die diesen erschweren: der Druck der Leistungsgesellschaft, die keine echte Schwäche zulässt, die Polarisierung der Meinungen, deren permanente Bewertungen auch unser Innenleben tyrannisieren und die Befürchtung das Leben würde schwierig und kompliziert, wenn man die eigene Sehnsucht entdeckt und zulässt. Der Autor hilf mit einer ersten fundamentalen Unterscheidung: „Die wertfreie Wahrnehmung unseres Innenlebens bedeutet nicht, dass das, etwas uns dabei begegnet, auch in äußere Handlungen umgesetzt werden kann. […] Die Gesetzmäßigkeiten, für einen gelungenen Umgang mit unserem Innenleben gelten keinesfalls für unser äußeres Leben – ebenso wenig wie umgekehrt.“ (S.29)

Das Buch handelt von der praktischen Seite von Spiritualität, von den Übungswegen die sich in unterschiedlichen Religionen ähneln und auch unabhängig von religiösen Bekenntnissen gesucht werden. Während der Jesuit seinen religiösen Hintergrund offenleget und auf christliche Texte zurückgreift, zeigt er ebenso die Parallele zu anderen religiösen Traditionen auf, wenn er beispielsweise den islamischen Mystiker Rumi zitiert und wiederholt auf die Praxis von Yoga verweist.

Bordt CoverVerbundenheit und umfassende Liebe

Entlang des Platonischen Dialoges „Symposion“ geht der Philosoph dem Wesen der Sehnsucht nach, sowie ihrer Erfüllung.  Der Autor bringt seine Erfahrung aus der Begleitung von Meditationskursen, besonders auch für Führungskräfte großer Firmen und Familienunternehmen, ebenso ein, wie naturwissenschaftliche Recherchen zur Wirkung von Meditation. Anhand der Übung der Wahrnehmung des Atems führt er die Wirkungen aus, die die Übenden erwarten dürfen: „Herr oder Herrin der eigenen Aufmerksamkeit zu sein“ (S.62) ist dabei ein Zwischenziel; der Weg kann weitergehen ein „,contemplativus‘ oder eine ,contemplativa in actione‘ zu werden“, die lateinische Formulierung der Kirche dafür, „in allem was man tut, auch mit sich selbst [und mit Gott] verbunden zu sein.“ (S.65) Es führt zur Erfahrung, dass wir, christlich gesprochen, „eine ewige Geborgenheit bei Gott“ (S.121) haben.

In einer erfrischend nicht-kirchlichen Sprache stellt P. Bordt höflich und pointiert sein Wissen zur Verfügung um den inneren Schritt zu unterstützen, der von einer spirituellen Praxis, die Selbstoptimierung und Wohlbefinden sucht, zu einem Weg, der immer mehr zur eigenen Identität und zur Erfahrung von Liebe und Verbundenheit führt:

„Eine solche Haltung der Selbstwahrnehmung bleibt ein lebenslanges Abenteuer, aber ich möchte Ihnen, verehrte Leserinnen und Leser, die Furcht davor nehmen. Es mag kurze Phasen geben, in denen eine spirituelle Suche, die uns in unser inneres Leben führt, unangenehm ist und wehtut. Sei es, weil wir die Verletzungen, die wir in uns tragen stärker spüren, oder weil uns deutlich wird, wie wenig unser äußeres Leben unserer Sehnsucht nach Sinn und Bedeutung entgegenkommt. Aber umso großartiger ist es dann, dem inneren Drängen nicht mehr hilflos ausgeliefert zu sein, sondern souverän entscheiden zu können, was wir in unserem äußeren Leben daraus machen – und was eben nicht.“ (S.31)

Eine Vertiefung im befreienden Umgang mit den eigenen Emotionen aus der Schule der Philosophie veröffentlichte Michael Bordt SJ in: Die Kunst sich selbst auszuhalten. Ein Weg zur inneren Freiheit, 2013.



Den Anfang soll ein Buch machen, das seit seiner Erstauflage 2004 ein Klassiker der Berufungsliteratur geworden ist: Josef Maureder. Wir kommen, wohin wir schauen. Berufung leben heute, 4­­2007.

Wir kommen, wohin wir schauen

In einem erzählenden Stil sammelt und systematisiert der Autor seine Erfahrungen aus der Begleitung junger Erwachsener und der Leitung von „Haus Manresa“, einem Ort der Berufungsklärung. Das Buch richtet sich an Suchende ebenso, wie an Verantwortliche der Berufungspastoral. Der Autor unterscheidet verschiedene Berufungsbegriffe und legt den Fokus „Geistliche Berufung im weiteren Sinn: Alle, die entschiedene Nachfolge Jesu leben im Dienst an den Menschen (im Gebet und im Tun).“ (S. 93) Entsprechend der spirituellen Tradition seines Ordens geht der Jesuit davon aus, dass Gott mit jedem Menschen im Gespräch sein will und die Suchenden persönlich zu einem Leben in Fülle führt. 

Maureder CoverDer dreifache Klang

Ein Kernstück des Buches ist das Modell des dreifachen Klanges, in dem der individuelle Anruf Gottes erkennbar wird: „Gottes Stimme, die dich zum Leben führen will, hat nämlich einen dreifachen Klang: deine persönliche Natur […], was du kannst, ist der tragende Klang; deine Sehnsucht […], was du möchtest, ist der bewegende Klang; das berührt werden von objektiven Stimmen […], was du sollst, ist der beunruhigende und lockende Klang der einen Stimme Gottes. Wenn dieser dreifache Klang in Einklang kommt, dann zeigt sich der rechte Weg.“ (S. 34)  Die Ausführung dieses Modelles, die Benennung  hilfreicher und hinderlicher Haltungen, Gottes- und Selbstbilder sowie kritische Anfragen an Orden und Kirche geben Orientierung bei der eigenen Suche.

Persönliches Zeugnis

Ein besonderes Geschenk des Buches ist das letzte Kapitel, in dem Josef Maureder unter den Stichworten: Bekehrung zu Jesus Christus, Bekehrung zur Freiheit, Bekehrung des Herzens die „Meilensteine“ des eigenen geistlichen Weges skizziert. Es schreibt vom Blick Jesu, von der Erfahrung lebensbedrohender Krankheit und der wachsenden Heimat im Orden. Darin teilt er auch eine Übung, die er im Krankenbett begann: „Ich habe Menschen betrachtet, nicht wissend wollend, sondern schauend und staunend. Ja, ich habe ganz einfach das Wunder werdenden und gelebten menschlichen Daseins betrachtet, die Schönheit von Freundschaft und Partnerschaft, und habe mich über die Tiefe und die unverwechselbare Eigenart der Menschen gefreut.“ (S.121)

Begründet in diesem persönlichen Weg und dem liebenden Blick auf das Leben, lässt sich „Wir kommen, wohin wir schauen“ als eine Werbeschrift lesen „seinen Alltag in Freundschaft mit Christus zu gestalten und sein Leben in dieser Welt als großherzige Antwort auf das das liebende Tun Gottes [zu verstehen].“ (S. 15) Wie Illustrationen wird dieses Motiv durch das Buch hindurch von Gedichten des kl. Bruders Jesu Andreas Knapp begleitet:

Bekehrung
Nicht mehr rotieren
    um den eigenen Bauchnabel
  kopernikanische Wende
   Ego-Dezentralisierung
mich gänzlich überlassen
    der Anziehungskraft deiner Liebe
  im Blick auf dich
    finde ich meine Bahn
nicht vor dem Spiegel bleiben
    mich einfach umdrehen
  die große Wende
    du stehst hinter mir
Andreas Knapp, in: Josef Maureder. Wir kommen, wohin wir schauen. Berufung leben heute, 4­­2007 S.29

P. Josef Maureder SJ war inzwischen Novizenmeister und leitet nun den Bereich Spiritualität und Exerzitien im Kardinal König Haus, Wien. Auch aktuell haben die deutschsprachigen Jesuiten Orte zur Berufungsklärung in Innsbruck und in Frankfurt am Main.

Im Rahmen der Reihe Lehre uns beten kommt P. Josef Maureder am 27. Mai 2021 zu einem Abend zum Sakrament der Versöhnung in das Quo vadis?: Ernst machen mit Gott. Barmherzigkeit erfahren. Ein theologischer Impuls zur Bussakrament mit Hinweisen zur Beichtvorbereitung.


Veronica Ilse