Berufungsg'schichten: Mein Gott hat gewartet

Im Quo vadis? interessieren wir uns für die Berufung jedes Menschen: Wie gelingt mein Leben und was hat das mit Gott zu tun? Dafür lassen wir uns von Ordensleuten inspirieren, die erzählen, wie sie ihre Lebensform gefunden haben: Berufungsg'schichten. In Kooperation mit dem CanisiuswerkSr. Erika Maria Radner von der barmherzigen Liebe Gottes lebt seit fünf Jahren im Karmel von Maria Jeutendorf in Niederösterreich. Sie spürt, wie sensibel es ist, von dem Weg mit ihrem Gott zu erzählen:

Berufungsgeschichten sind eine heikle Angelegenheit. Sie berühren den Bereich des Transzendenten und das ist ja mit Worten nicht ausreichend fassbar und außerdem kein Mainstream-Thema. Damit konfrontiert reagieren Menschen nicht selten peinlich berührt, verlegen oder grob abweisend. Nur wenige verstehen. So macht man sich mitunter zum Narren. Alles das ist mir passiert. Und trotzdem müssen sie erzählt werden, weil es sie gibt und weil sie eine Welt in Erinnerung rufen, für die zwischen all den Schlagzeilen kaum Platz bleibt.

Das ist meine Berufungsgeschichte. Ein Versuch, eine Annäherung, eine Skizze. Eine Jona-Geschichte, eine von unzähligen, die erzählt werden könnten. Morgen würde ich sie schon wieder anders schreiben, weil es auf einmal gar nicht geht.

Freiheit suchen

Ich wuchs in einem gut katholischen Elternhaus in Oberösterreich auf. Eine Schwester meines Vaters war Borromäerin. Meine Schulzeit verbrachte ich in Ordensschulen. Mit 14 Jahren nahmen mich Schwestern mit nach Wien zu einer Ordensprofess, um mich auf den „Geschmack“ zu bringen. Ich kam nicht auf den Geschmack, nicht auf diesen. Das Ziel lag zu nahe. Zunächst einmal: Freiheit!

Ich wollte herausfinden, wie das Leben wirklich geht und entzog mich ein Stück weit dem Einfluss des Elternhauses, als ich nach der Lehrerausbildung meinen Dienst in einem kleinen Ort weit genug von daheim entfernt antrat. Ich reiste viel, arbeitete mich gut ein als Lehrerin und engagierte mich in verschiedenen Bereichen des Gemeindelebens. Ich hatte einen festen Freundeskreis und es gab vieles, was mich interessierte und mir Freude machte.

Sr. Erika Maria Profess WSIn diesen Jahren wurde ich erwachsen. Ich fand heraus, wie das Leben ging, auch wenn mich vieles, was ich erlebte, ziemlich ernüchterte. Nicht mehr alles, was ich tat, war „katholisch“. Mein Gott, den ich in alle Situationen mit hinein nahm, wurde mir zwischendurch oft ziemlich schwer. Ich stritt und haderte, ich kämpfte mich an ihm ab, aber ich ließ ihn nicht los oder Er mich nicht.

Das Ganze wollen

Meinen Ort, „die Arche, von der aus alles andere möglich sein würde“, wie ich es in meinem Tagebuch festhielt, hatte ich mit Ende 20 noch nicht gefunden. Einmal im Supermarkt an der Fleischbank der plötzliche Gedanke: Eigentlich ist das, was du da tust, nur vorläufig…
Verliebt war ich oft, einmal sehr, aber es blieb dabei. Der „Richtige“ würde schon noch kommen. Er kam und war es nicht. Der Psychoanalytiker Bert Hellinger sagt: Die Mitte fühlt sich leicht an. Wenn das stimmte, war ich nicht dort. Nix mit Freiheit. Eine ungeheure Sehnsucht nach „dem Ganzen, nach dem, was hinter all dem Vordergründigen lag“, begann sich mit Vehemenz aus meinem tiefsten Inneren zu melden und ließ sich nicht mehr abschütteln. Sie stürzte mich in eine tiefe existenzielle Krise und hatte das äußerst schmerzhafte Ende meiner Beziehung zur Folge, bedeutete aber noch lange keinen Klostereintritt.

Da war zwar dieser Bildungswerkvortrag des deutschen Theologen Gotthard Fuchs über die Mystiker, der mich gepackt hatte und lange nicht losließ – aber Teresa von Avila und Therese von Lisieux waren doch Karmelitinnen und - das wusste ich seit Kindheitstagen – die lebten völlig weltfremd und eingesperrt in ihrem Kloster. Um Gottes Willen!! Ja, ich hatte wieder begonnen, regelmäßig zu beten, besuchte Glaubensseminare, nahm an kontemplativen Exerzitien teil, engagierte mich gerne in der Pfarre, aber ich fand, das musste reichen.
Natürlich reichte es nicht. Es ging ja ums Ganze, nicht ums Halbe. Es ging um meinen Gott und mich - und mein Gott wollte mich ganz. Meine Seele wusste es. Ich träumte, dass es einen Ort gab, wo Er auf mich wartete. Aber wo?

Sr. Erika Maria Paradeiser WSMein Sabbatjahr, in dem ich mich dieser Frage stellen wollte, begann ich mit Einzelexerzitien für Ordensfrauen (!) bei einem Priester aus meiner Pädak - Zeit, den ich ausfindig gemacht hatte, weil ich sicher war, dass er mir weiterhelfen konnte. Er erkannte die Lage sofort und hatte die richtigen Worte für mich. Aus seinem Mund hörte sich ein Klostereintritt gar nicht mehr so fürchterlich an. Als er eher nebenbei den Karmel von Maria Jeutendorf erwähnte, den er für mich eigentlich nicht vorgesehen hatte, wurde ich hellhörig und recherchierte im Internet. Auf den Fotos wirkten die Ordenfrauen so überhaupt nicht weltfremd und eingesperrt. Ich fuhr hin. Und noch einmal. Und noch einmal.

Freude finden

Im Jänner 2016 fiel meine Entscheidung für den Eintritt in den Karmel Mater Dolorosa von Maria Jeutendorf. Die große Freude darüber kann ich schwer beschreiben. Mein lieber Lehrer und Begleiter in diesem wichtigen Jahr vor dem Eintritt erlebte meine Entscheidung nicht mehr mit. Er starb im November davor. Jetzt bin ich seit dem 4. 10. 2016 im Karmel. Der Einstieg war hart. Es gibt nichts zu beschönigen. Aber hier ist mein Ort und er wird es immer mehr.
Die Reise dauerte lang, war aber unumgänglich.
Mein Gott hat solange hier auf mich gewartet.
Dafür bin ich sehr dankbar.


 

Berufungsg'schichten von Ordensleuten in unterschiedlichen Gemeinschaften finden Sie hier:

Sebastian Ortner SJ
Regina Köhler CJ
Ewald Nathanael Donhoffer OPraem
Kleine Schwester Katharina Ruth
Bruder Moritz Windegger OFM
Katharina Leitner OSB
Michal Klučka SDB
Gertraud Harb
Helena Fürst
Pilippus Mayr OSB