Christlich leben | Beten

Was zeichnet das Leben von Christen aus? Wie andere, wollen wir ein gutes Leben führen. Dabei orientieren wir uns an Überzeugungen, von denen wir unseren Alltag formen lassen. In dieser Blogreihe erkunden wir Grundbegriffe eines christlichen Lebensstils. Ein Leitgedanke zieht sich durch: Es geht um Beziehung. Br. Hans Leidenmühler OSFS erschließt die unterschiedlichen Formen des Gebetes als Praxis der Gottesfreundschaft.

Beten spielt in vielen Religionen eine zentrale Rolle. Im Gebet trete ich mit Gott, der Quelle unseres Daseins, in Verbindung. Das kann allein oder in Gemeinschaft geschehen, laut oder leise, frei gesprochen oder mit vorgegebenen Texten, durch Schweigen, durch das Entzünden einer Kerze oder im Betrachten eines Bildes.

Zu welchem Gott beten wir Christen? Jesus Christus zeigt uns einen Gott, der den großen Wunsch hat, mit uns Menschen in Beziehung zu treten. Aber nicht von oben herab und nicht als Besserwisser, sondern als Freund der Menschen. Jesus selbst hatte eine ganz innige, selbstverständliche Beziehung zu Gott, in seinen Gebeten nannte er ihn Vater. Und er ermutigt auch uns, in freundschaftlicher, vertrauter Weise mit Gott in Verbindung zu treten. Am Leben Jesu selbst können wir ablesen, wie Gott ist. „Ich und der Vater sind eins“ erklärt Jesus im Johannesevangelium und so können wir an seinem Leben ablesen, wie Gott „tickt“: Er hat ein großes Herz und ein offenes Ohr für alle. Er macht keinen Unterschied ob jemand arm oder reich ist, unwissend oder klug. Auf was Gott schaut, ist das Herz der Menschen, das er gewinnen will. Für unser Denken ist das vielleicht schwer vorstellbar, dass der allmächtige Gott  uns so begegnen will: Nicht von oben herab, nicht nur als Helfender dem Hilflosen, nicht nur als Allwissender dem Dummen, nicht richtend, nicht als Bemitleidender dem Bemitleidenswerten und nicht in der Ferne als Abhörer unserer Gebete. Sondern einfach als Freund. Das ist eine sehr schöne und befreiende Botschaft! Das ist das Fundament, auf dem wir uns im Gebet vertrauensvoll Gott öffnen können.

Eine Freundschaft lebt von Verbindlichkeit und vom sich Zeit nehmen. So ist es auch mit der Freundschaft mit Gott. Daher ist es wichtig, dass wir unserem Beten einen Raum in unserem Alltag geben. Es müssen nicht immer lange Gebete sein, wichtig ist, dass wir mit Gott in Kontakt bleiben, und sei es durch kurze Herzensgebete.

Aber was ist, wenn wir auf eine Antwort im Gebet sehnsüchtig, aber vergeblich warten? Wenn wir das Gefühl haben, dass Gott so weit weg ist und uns nicht hört? Ist Beten immer das Sprechen „mit“ Gott, ist es nicht öfter das Sprechen „zu“ Gott, bei dem man manchmal aber in der Dunkelheit und Einsamkeit bleibt? Im Gebet bekommen wir keineswegs immer eine Antwort, erst recht nicht, eine sofortige „Gebetserhörung“. Diese Erfahrung, dass Gott schweigt, ist selbst großen Heiligen nicht unbekannt gewesen, wie etwa der hl. Mutter Teresa. Und selbst Jesus, der eine so innige Beziehung zu Gott hatte, hat diese Erfahrung am Ende seines Lebens machen müssen. Sein Schrei am Kreuz „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ ist bis heute eine offene Wunde für alle, die sich nach Gottes Nähe sehnen und zugleich irgendwie auch eine Ermutigung, weil sie wissen, dass sie mit ihrer Not nicht alleine sind.

Eine Freundschaft lebt nicht unbedingt von vielen Worten. Beten kann auch sein, einfach da zu sein vor Gott und mit Gott. Es gibt Zeiten, da braucht es keine Worte. Viele Menschen machen die Erfahrung, dass es gut ist, einfach still zu werden und in Gottes schweigender Gegenwart zur Ruhe zu kommen. Der schweigende Gott und der schweigende Mensch können sehr wohl einander sehr nahe sein. Auch unter uns Menschen ist manchmal das gemeinsame Schweigen ein viel tieferes Zeichen der Nähe, als das gemeinsame Reden.

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In unserem Blog ging es auch bereits um:

 Nach den Sommerferien lesen Sie an dieser Stelle über:                                                       

  • Nächstenliebe                  
  • Umkehr                             
  • Kreuz                                    
  • Ewiges Leben                    
  • Kirche